Botschaft aus der Design-Zukunft 2030

Betreff: Brief aus der Zukunft 2030
Von: cloe paplera <cloe@012358.132135.56.pcp>
Datum: 29.03.30 19:26
Anhänge:  paplera.vcf (348 Bytes)
An: col graf <ismael@zweien.berlin>

lieber col graf oder soll ich dich lieber ismael nennen,

ich bin cloe paplera. ich schreib dir unbekannter weise aus dem jahr 2030. kurz zu mir: ich bin designistin in der werdung und verfasse eine unimotion. in dieser untersuche ich fluide, dynamische semantismen in der abgrenzung von soliden. [Eine Unimotion ist vergleichbar mit einer Promotion mit einschliessenden Wanderjahren in der Diaspora. der Oskar] dazu betreibe ich zur zeit feldbeobachtungen im libern untergrund: wie veraendern sich leitbilder bei der transformation in ressourcenbegrenzte raeume.

bei meinen recherchen zum historischen exegetum meiner unimotion bin ich im archiv über deine schriften aus dem zeitraum 1995–2016 gestoßen. besonders dein interview vom April 2015 laesst dein interesse an zukünftigen entwicklungen erkennen. und wie sich deine profession transformiert. darauf will ich dir in diesem brief antworten.

dabei bediene ich mich der omt [old manual technique, alte handwerkliche Techniken. der Oskar] des »briefschreibens«. auch weil sich gerade in deiner periodo entscheidende mutationen [Zeitraum entscheidender Umwälzungen. der Oskar] auftraten. der casus war eine von euch zelebrierte higtec-fidei [Technik- bzw. Technologieglaube. der Oskar] ohne auf die faehigkeiten und kompetenzen der personoj [Menschen. der Oskar] rücksicht zu nehmen. skripto [Schreibschrift {neben Englisch ist auch Esperanto/Latein in die Verkehrssprache – Lingua franca – eingeflossen} der Oskar] wurde aus der doctrina [Unterricht; gibt es in dieser Form nicht mehr. der Oskar] gestrichen. heute versucht man das audio-getoese durch manskribado [Hand- bzw. Schreibschrift mit integrierten Ideogrammen, einer Verschmelzung von Emoticon, Emjoi und Han-Schrift. der Oskar] in den griff zu bekommen.

das papierblatt das ich beschreibe wird ungefaehr zehn jahre alt sein, halb so alt wie ich. zu dieser zeit wurden die virtuellen druckfarben entwickelt, die am ende die omt-farben ersetzten. virtuelle druckfarben sind so was aehnliches wie in 2016 eure vr [virtual reality. der Oskar]. dadurch sind die papiere fast unbegrenzt reusebar ohne recycliert zu weden. dass das papier ganz verschwindet wurde von euch ja auch vermutet, aber nur wenige wollten ganz auf haptische expierence verzichten.

in den letzten jahren hat sich viel veraendert. aber anders als der mainstream damals dachte. viele eurer zukuenfte waren ja durch technology getarnte drohkulissen des konservatismus zur erhaltung der machtverhaeltnisse. die avantgarde dagegen lebte und dachte ihre zukünfte einfach aus sich selbst. ihr hattet damals den begriff hightouch [Der Umgang oder die Interaktion mit einem Menschen im Gegensatz zu Transaktionen mit Computern oder durch Hightech. der Oskar] aufgegriffen.

und so auch die meisten echten, nicht part-time designer [Freizeit- oder semiprofessionelle designer. der Oskar]. ihre transformation der eigenwahrnehmung vom objektbezogenen beruf zur kreative und intuitive kompetenzbasierten tätigkeit katapultierte die exdesigner in neue bereiche. das ist gelebtes hightouch. ihr habt euch damals aufgeloest (exdesigner) und neu erfunden – als new designer.

die domains der new designer sind heute multidimensional.

es gibt die designisten, die weitegehend wissenschaftlich arbeiten. sie forschen an der transformation von crea#intuition [das ist ein ganz neues Feld; ich würde sagen: eine Verknüpfung von Assoziation und Bisoziation. [Schau mal bei Arthur Koestler in seinem Werk »The Act of Creation« von 1964 rein. der Oskar].

ich glaube das würde dich begeistern. erste ansaetze wurden bei euch und auch von dir schon in verbindung mit vuca [Die Welt wird verrückter, unsicherer, unberechenbar, unplanbar, undurchschaubar – die VUCA-Welt. der Oskar] diskutiert.
neben den designist, gibt es die beratenden designer, leadsigner. [in den Bereichen Öffentlichkeits- und Organisationsentwicklung. der Oskar] in der domain visuelle kommunikation wirken vor allem illustra- und infotoren als translator zwischen den beteiligten prozessgruppen.

ein gemeinsames charakteristikum der new designer ist die fokussierung auf den kernprozess – die schaffung von idellen und immateriellen nutzenwerten. das entscheidende an eurer transformation war die ausweitung der designzone. der schritt vom end-of-pipe to the-beginn-of-pipe – weg vom image des nachtraeglichen verbesserns zum aktiven mitgestalter. das dieser prozess so erfolgreich war und immer noch ist, habt ihr durch die intensive kollaboration in der new-design-diaspora [Neben Design ist die Soziologie, Psychologie, Philosophie, Wirtschaftslehre und die Naturwissenschaften vertreten. der Oskar] erreicht. damit wart ihr wegbereiter für design acting.

fast verschwunden sind die pixelschupser, render- und layoutsklaven [Diese Ausdrücke hat Cloe sich von mir abgehört. Sie gehören heute nicht mehr zum Standardwortschatz. der Oskar]. deren arbeit wurde durch software gerade fuer einfache inhalte uebernommen. omt-druck hat sich zu einer separatistensparte entwickelt und findet immer mehr liebhaber.
neu in der designbay sind designware developer (liebevoll »deedees« genannt), eine verschmelzung von designer und software developer. sie entwickeln templates. [Anders als zu Deiner/unserer Zeit sind diese Templates keine Dokumentenvorlagen, sondern visuelle Prozessvorlagen. der Oskar]

das vielleicht wichtigste: die welt lebt heute gut. es ist nicht alles perfecto, aber das ziel ist der weg. und die new designer sind ein wichtiger und geachteter faktor in der gemeinschaft.

aber, warum musstes du rauchen und deshalb so frueh sterben?
das leben und denken heute hätte dir bestimmt viel spass gemacht.

mit besten gruessen cloe

libern, 29. maerz 2030 [»libern« ist der neue Name von Berlin. der Oskar]

ps: Oskar hat einige anmerkungen fuer dich in den brief reingeschrieben.

pps: ich schicke dir den brief parallel als audiovisual message. [Videobotschaft. der Oskar]

[ppps: Was Cloe vergessen hat: Ihre Botschaft hat dich erreicht! Auch wenn zur Zeit der Übertragung auf Grund der exaterristische Lage (sie ist nicht so besonders, aber das ist ein anderes Thema) der time slot (Zeitschlitz) ins Jahr 2017 nicht immer stabil war. Was uns besonders freut, du hast die Botschaft weiterverbreitet, sie hat euch Mut gemacht und in eurem Handeln bestätigt. Dafür sind wir dir und deinen Kollegen und Mitstreitern sehr dankbar. Ein Denkmal »Der unbekannte Designer« gibt es aber nicht. der Oskar]

cloe paplera <cloe@012358.132135.56.pcp>
designistin ?alliance of ideas and design ?member of  »Up-to-the-Design – Utodee«
signatory of the »oslo manifesto« >>

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Thinktank »Design 2030«

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