Künstlerprekariat

Prekariat

Vor ein paar Jahren fragte mich ein Kunde, ob man als Designer von seiner Arbeit überhaupt leben kann. Damals hörte ich zum ersten Mal vom »Künstlerprekariat«. Inzwischen wird dieser Begriff schon fast inflationär verwendet. Politiker, Wissenschaftler und Verbandsfunktionäre reden gern vom Prekariat, um die wirtschaftliche Situation der Kreativen in einem dramatischen Licht darzustellen. Kombiniert mit dem Begriff der »Künstler-Sozial-Kasse« entsteht so der Eindruck, dass die Designer wirtschaftlich unfähig sind und von der Gesellschaft alimentiert werden müssen. Doch entspricht das überhaupt der Wahrheit?

Wie definiert man, wann jemand zum Prekariat gehört?

Wer eine bestimmte Einkommensschwelle nicht erreicht, wird automatisch zum Prekariat gezählt. Allerdings geht es dabei nur um eine nackte Zahl. Es wird zum Beispiel nicht berücksichtigt, mit welchem Aufwand das Einkommen erwirtschaftet wird. Oder anders gesagt: Vollzeit- und Teilzeitdesigner werden einfach in einen Topf geworfen.

Zufriedenheit wird ignoriert

Eine – leider schon verstorbene – AGD-Kollegin hat mir einmal gesagt, dass ihr zwei bis drei Kunden pro Jahr vollkommen ausreichen und sie auch mehr nicht schafft. Sie war damit sehr zufrieden. Und genau diese Zufriedenheit wird in keiner Statistik erfasst oder ausgedrückt. Tatsächlich ist der Beruf des Designers ideal für eine flexible Zeiteinteilung und Lebensplanung. Feste Bürozeiten sind nicht zwingend notwendig. Man kann von zu Hause aus, in einem Coworkingspace, einem eigenen Büro oder sogar in seiner eigenen Agentur arbeiten. Jede Work-Life-Balance ist denkbar, solange man selbst und die Kunden zufrieden sind. Der Beruf des Designer ist so vielfältig, dass man – auch wir als AGD – mit Pauschalisierungen vorsichtig sein müssen. Auch wenn es in einem Moment passend sein mag, kann es auf Dauer die Sichtweise auf unseren Berufsstand verzerren. Mein Kunde wollte mir damals aus Mitleid (!) Aufträge vermitteln. Doch wer will schon aus reinem Mitleid beauftragt werden? Übrigens redet oder schreibt keiner vom »Agenturprekariat«.

Ursachenforschung

Die Zahlenerhebungen geben außerdem nur den Status Quo zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder. Allerdings werden die Ursachen selten hinterfragt. Dabei ist die Ursachenforschung von elementarer Bedeutung. Denn nur, wenn man die Gründe kennt, kann man den Auswirkungen vorbeugen. Wer sich beispielsweise unter den AGD-Kollegen umhört, erfährt, dass schon ein einfaches außerberufliches Ereignis ausreichen kann, um die wirtschaftliche Lage ins Kippen zu bringen.

Wenn man durch die Statistik fällt

Doch wer sich wirklich in einer prekären Lage befindet, interessiert sich nicht für Statistiken. Ob er einer von Hundert oder von Tausend ist, ändert nichts an seiner Situation. Wer erstmal am Boden liegt, neigt schnell dazu, sich abzukapseln. Erschwerend kommt dann dazu, dass sich die Gedanken immer mehr um die wirtschaftliche Lage drehen und die Kreativität darunter leidet. Das kann der Beginn einer Abwärtsspirale werden.

Falsch verstandener Stolz verhindert dann oft das offene Gespräch mit Kollegen. Aus meiner persönlichen Erfahrung rate ich jedem, mit Kollegen über seine Lage und auch über seine Arbeiten zu reden. Ein Blick von außen kann vollkommen neue Perspektiven aufzeigen. Dabei geht es nicht nur um die (kaufmännischen) Zahlen. Wichtig ist auch die Auseinandersetzung mit der kreativen Leistung. Ist die Leistung ihr Geld wert oder wird sie falsch bewertet? Ein möglichst objektives Feedback ist hier erforderlich.

Jetzt könnte man natürlich sagen: »Was schert mich der Kollege, dem es schlecht geht? Hauptsache ein Konkurrent weniger.« Doch an dieser Stelle sei gewarnt: Das Schicksal kann jeden treffen. Und dann ist man auf einmal froh, wenn man von erfolgreichen Kollegen Hilfe bekommt. Wir heißen nicht umsonst »Allianz deutscher Designer«. Wir sind eine Allianz. Wir stehen zusammen. Wir helfen einander. Wer Hilfe braucht, soll ohne Scham darüber reden können. Wer helfen will, hört zu und hilft, ohne den anderen zu überfahren.

Der eingangs erwähnte Kunde musste übrigens gesundheitsbedingt kurzer treten. Er lebt jetzt allein als Frührentner am Existenzminimum. Von Zeit zu Zeit telefonieren wir miteinander, damit er jemanden zum Reden und Zuhören hat.

Jan-Peter Wahlmann, AGD-Vorstand

Nachoben