Zwei Freikarten hatten wir verlost. AGD-Mitglied Deniz Luise Retzer war aus Koblenz angereist, AGD-Vorstand Christiane Schäffner aus München.
Eine spannende & bereichernde Veranstaltung @see_conference und see_camp! Hier kommen Gestaltung und Haltung, sowie Spaß und Menschlichkeit zusammen. Tausend Dank für so viel Inspiration und Freude!
Hübsch Hübsch | Designstudio |Deniz Luise Retzer


Vor und an unserem Platz am Eingang ein Kommen und Gehen. Wir konnten in so viele Gespräch mit AGD-Mitgliedern, mit Interessierten, mit möglichen Partnerinnen einsteigen, dass wir von den Vorträgen nur ein paar Gedanken im Vorbeigehen erhaschten. Etwa von Eva von Redecker, die Philosophin hielt die Keynote: Es gehe darum, Orte zu schaffen, an denen alle sein können. Ein Appell, der ihre Auseinandersetzung mit dem »Phantomschmerz« umkreist, dem Schmerz oder der Schmerz-Androhungs-Behauptung, wir alle hätten viel zu verlieren.


Wir teilen fast alle das Gefühl, dass die Zeiten irgendwie rauher werden, das Leben schwerer, man sich ständig wappnen muss. Und anstatt die Gründe dafür zu suchen, Krisen zu bewältigen, Ungerechtigkeiten zu überwinden, überbietet der Faschismus diese Härten einfach mit einer noch massiveren Verhärtung: mit der Zerstörungswut des geprellten Eigentümers. Die faschistische Härte versteift sich auf Scheineigentum – Phantombesitz, wie ich es nenne. Und sie entfesselt absoluten Terror gegen Andere, die diesen Besitz angeblich angreifen.
Wir konnten einen Blick werfen auf KI-gestützte Installationen von jungen Designer:innen, die im Foyer des Schlachthof-Saals ausgestellt waren. Überlegten, ob wir uns vor Wilhelm Tischbeins (Burg Giebichenstein) »The Better You«-Kamera stellen sollten, um zu erfahren, wie geeignet unsere Gesichts-Koordinaten für die KI-Verwertung sind (»score«). Ließen uns im »Atlas der Ungleichheiten« (Jana Gehring, FH Aachen) vor Augen führen, wie sich z. B. Vermögensverteilung grafisch schlagend darstellen lässt.
Der Fotograf Lois Hechenblaikner und »Holy Motors« lieferten Impulse, mit Raffinesse (etwa mit «strategischer Dummheit«) und Chupze Prozesse zu stören und zu verändern. Etwa, um politischen Außenseiter-Kandidaten einen Platz im Polit-Betrieb zu ermöglichen oder um Umweltzerstörung im Tourismus-Gewerbe ins Licht zu holen. Design als Agitprop. Die »see conference« als rasante Ideengeberin.

Am Sonntag pilgern wir zum ehemaligen Gelände der Städtischen Klinken. Vom ehemaligen Schlachthof zur ehemaligen Heilanstalt – Architektur und Design hat diese Orte verwandelt, die für fast alle offen stehen. Die Bus-Linie 6 fährt den innerstädtischen Hügel hinauf bis zu Scholz & Volkmer, den Initiatoren, die hier ihre Räume bezogen haben.

Am Entrée ein Brettspiel. Designerin Kiara Karaj setzt auf Haptik und Zusammenkunft, um das Thema »Mental Load« anzuheizen. Eine Spielkarte ist so beschriftet: »Du vertraust darauf, dass Dinge auch ohne Dich funktionieren.« Eine Spielkartenreihe heißt »Toxische Delegation«. https://werkschau-wiesbaden.de/2026WS/werkschau/ws-2025-26/mindfull/
Wir flanieren und treffen Organisatoren der »Word Design Capital«-Initiative. Wir nehmen Kontakt auf zu den Veranstalterinnen des »Day for Female Networking« am 22. Mai in Frankfurt am Main.
Deniz nimmt an einem der Workshop teil.

Christiane düst zurück nach München und weiht uns ein: Was wir an unserem Ort am Eingang des Schlachthofs alles verpasst haben.
Vielen Dank, Christiane!
1. Eva von Redecker – Philosophin und Autorin
Eva von Redecker kritisiert unser modernes Eigentumsverständnis, das Natur, Dinge und sogar Menschen als beherrschbar betrachtet. Daraus entstehen viele heutige Krisen. Ihre Gegenidee ist die »Bleibefreiheit«: Menschen, Natur und Lebensräume sollen geschützt bleiben dürfen. Freiheit bedeutet für sie nicht unbegrenzten Besitz, sondern gemeinsames, gutes Leben und das aktive Reparieren entstandener Schäden.
2. Deveroe – Motion Designer und Multimedia-Künstler
Deveroe zeigt, dass Chaos, Unsicherheit und schwierige Erfahrungen kreative Stärke sein können. Aus seiner eigenen chaotischen Vergangenheit hat er Intuition, Beobachtungsgabe und ein gutes Gespür für Menschen entwickelt. In seiner Arbeit setzt er bewusst auf Unperfektion, Experimentieren und Bauchgefühl. Für ihn ist Chaos keine Schwäche, sondern eine kreative Superpower.
3. Daniel Chatard – Dokumentarfotograf und visueller Forscher
Daniel Chatard sprach über sein Projekt »Niemandsland«, das den Braunkohleabbau im Rheinland dokumentiert. Im Fokus stehen zerstörte Landschaften, verschwundene Dörfer und Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten. Das Projekt zeigt die Ohnmacht gegenüber großen Energiekonzernen und den Widerspruch der deutschen Energiewende. Es geht um Heimat, Umwelt, Macht und die Folgen des Kohleabbaus.
4. Tobias Trübenbacher – Industriedesigner und Architekt
Tobias Trübenbacher betont, wie wichtig »Unlearning« ist, also das bewusste Hinterfragen gewohnter Denkweisen. Seine Projekte machen Probleme wie Lichtverschmutzung, Energieverbrauch oder überhitzte Städte sichtbar und entwickeln praktische Lösungen. Dabei nutzt er lokale Ressourcen, Kreislaufdenken und Gestaltung als Werkzeug für Veränderung. Nachhaltige Innovation braucht für ihn Mut, Offenheit und Experimente.
5. Tobias von Laubenthal – Aktivist, Zentrum für Politische Schönheit
Tobias von Laubenthal stellte die Arbeit des Zentrums für Politische Schönheit vor. Das Künstlerkollektiv nutzt provokative Aktionen, um politische Missstände sichtbar zu machen, besonders Rechtsextremismus. Kunst, Aktivismus und Inszenierung werden verbunden, um öffentliche Debatten anzustoßen. Im Zentrum steht der Appell, entschlossener gegen Rechtsextremismus vorzugehen und ein AfD-Verbotsverfahren zu prüfen.
6. David Szauder – Digitalkünstler
David Szauder beschreibt KI als festes Werkzeug in seinem kreativen Prozess. Sie ersetzt den Menschen nicht, sondern erweitert klassische Methoden. Entscheidend bleiben Idee, Auswahl, Erfahrung und gezielte Weiterverarbeitung. Sein Fazit: KI eröffnet neue kreative Möglichkeiten, aber Qualität entsteht erst durch menschliche Kontrolle und einen klaren Workflow.
7. Sophie Douala – Designerin und Künstlerin
Sophie Douala verbindet Grafikdesign, Kunst, Emotion und Intuition. Sie arbeitet digital und analog, besonders mit experimentellem Risodruck. Ihr geht es darum, Kunst auch als physisches Objekt erlebbar zu machen. In ihrem Workshop »Mixed Feelings« steht intuitives Arbeiten mit Materialien im Mittelpunkt, ohne Perfektionsdruck.
8. Jette Cathrin Hopp – Architektin
Jette Cathrin Hopp versteht Architektur als Werkzeug, um Gesellschaft mitzugestalten. Gute Architektur soll Begegnung, Teilhabe und Zugänglichkeit ermöglichen. Dabei stehen Kontext, Zusammenarbeit und soziale Wirkung stärker im Vordergrund als reine Form. Ihre Projekte entstehen kollaborativ und sollen öffentliche Räume schaffen, die Menschen wirklich nutzen und erleben können.
9. Lois Hechenblaikner – Fotograf
Lois Hechenblaikner zeigt die Schattenseiten des Tourismus in Tirol. Seine Fotografien kritisieren verbaute Landschaften, künstliche Beschneiung, Massenevents, Luxustourismus und irreführendes Marketing. Er macht sichtbar, was hinter den schönen Tourismusbildern oft verborgen bleibt. Sein Vortrag war sehr unterhaltsam und wurde vom Publikum begeistert aufgenommen.
10. Holy Motors – Giorgi Avaliani und Nick Kumbari
Giorgi Avaliani sprach über Kreativität, Herkunft und Design. Er erzählt, wie er vom Banker zum Gestalter wurde und heute mit Nick Kumbari in den Bereichen Illustration, Branding und Grafikdesign arbeitet. Seine georgische Herkunft prägt seine Arbeit stark. Die zentrale Botschaft: Aus einfachen Mitteln, persönlicher Erfahrung und kultureller Identität kann bedeutungsvolles Design entstehen.
Irritation, Chuzpe, freigiebiger Austausch und Fokus auf die Allmende – wir kommen gerne wieder.

