Wenn Technologie politisch wird

Manchmal beginnt eine große gesellschaftliche Frage ganz unscheinbar. Etwa in einem Raum voller Designer:innen, Jurist:innen und Verbandsvertreter:innen, die sich eigentlich „nur“ über KI austauschen wollen. Daber wird klar: Es geht um weit mehr als um Tools, Bildgeneratoren oder Prompt-Techniken. Es geht um Macht.

Die Diskussion im KI-Beirat kreiste bald um einen Kernpunkt: Was bedeutet es für unsere Gesellschaft, wenn die Entwicklung, der Betrieb und die wirtschaftliche Verwertung generativer KI in den Händen weniger globaler Konzerne liegt? Diese Unternehmen kontrollieren Trainingsdaten, Rechenzentren und zunehmend auch die Marktmechanismen. Sie bauen Systeme auf, die mit der kreativen Arbeit unzähliger Menschen trainiert wurden. Die Gewinne jedoch konzentrieren sich bei wenigen.

Zwischen Kunstbegriff, KSK und kollektiver Verantwortung

Schnell rotierte man zurück zur Ausgangsfrage vor ein paar Wochen und zur Einordnung von KI-Bildern in der Künstlersozialkasse. Ist ein Werk weniger künstlerisch, wenn es mit Midjourney oder anderen KI-Tools entsteht? Oder entscheiden vielmehr der gedankliche Prozess, die gestalterische Absicht, die kuratorische Auswahl über seinen Wert?

In einer aktuellen Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst Frankfurt werden KI-Arbeiten gezeigt, die eindrucksvoll demonstrieren, wie viel konzeptionelle Tiefe und ästhetische Entscheidung in diesen Projekten steckt.

Die Frage „Ist das Kunst?“ führt uns jedoch nicht weiter. Entscheidend ist, ob ein schöpferischer Prozess stattfindet, ob Entscheidungen getroffen werden, ob Verantwortung übernommen wird. Denn: KI ist ein Werkzeug und kein autonomer Akteur mit künstlerischer Intention.

Gleichzeitig steht im Raum, wie mit den Trainingsdaten umzugehen ist. Wenn kreative Werke als Grundlage für KI-Systeme dienen, ohne dass Urheber:innen daran beteiligt werden, entsteht ein Ungleichgewicht. Eine kollektive Vergütungslösung kann ein Baustein sein, um Wertschöpfung gerechter zu verteilen. Sie wird jedoch keine vollständige Kompensation sein. Dafür sind die Systeme zu groß, die ökonomischen Interessen zu stark.

Warum es jetzt um Haltung geht

Wir stehen nicht vor einer rein technischen Entwicklung, sondern vor einer gesellschaftlichen Weichenstellung. Wenn KI kreative, kommunikative und wissensbasierte Tätigkeiten übernimmt oder verändert, stellt sich die Frage nach der Verteilung von Arbeit, Einkommen und Verantwortung neu.

Wer profitiert von Effizienzgewinnen? Wer trägt die Risiken? Und wie verhindern wir, dass kulturelle Vielfalt und kreative Eigenständigkeit unter dem Druck ökonomischer Skalierung verloren gehen?

Die Diskussion im KI-Beirat war in diesem Sinne kein Krisengespräch, sondern ein Suchprozess. Zwischen Innovationsfreude und berechtigter Skepsis kristallisierte sich eine gemeinsame Haltung heraus: Technologie darf Gestaltung nicht entmündigen. Und wirtschaftlicher Erfolg darf nicht auf der Entwertung kreativer Arbeit beruhen.

KI wird bleiben. Die Frage ist nicht, ob sie Teil unserer Praxis ist, sondern wie wir ihren Einsatz gesellschaftlich rahmen. Auf politischer, sozialer und wirtschaftlicher Ebene. Als Berufsverband ist es unsere Aufgabe, diese Debatte aktiv mitzugestalten – klar, differenziert und mit einem Bewusstsein für die gesellschaftliche Tragweite.Denn am Ende geht es nicht nur um Bilder. Es geht um Macht. Und darum, wie wir sie verteilen wollen.

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