Trauer um Kurt Weidemann

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Die AGD trauert um einen der ganz Großen der Designszene: um Kurt Weidemann, seit vielen Jahren Ehrenmitglied der AGD, der am 30. März im Alter von 88 Jahren im elsässischen Sélestat gestorben ist. Wir vermissen nicht nur einen hervorragenden Typografen, wortgewaltigen und blitzgescheiten Kollegen, sondern auch ein Vorbild für viele junge Designer.

Rote Ferrari-Turnschuhe, Hut und Lorgnon, das war das sichere Erkennungsbild für einen Mann, der immer gut drauf war, der viel erlebt hat und viel zu geben hatte. Unzählige Male war er Gast der AGD Jahrestagungen auf Waldeck, wo wir bis tief in die Nacht mit ihm diskutierten. Am liebsten natürlich über Schriften, denn das war sein Lieblings-Thema. Da war er, der selbst viele Schriften entworfen hat – unschlagbar. Wörtlich sagte er einmal: „Es gibt, zehn, fünfzehn sehr gute Schriften, mit denen man sich anfreunden kann. Es gibt 30.000 auf dem Markt, davon kann man 29.900 im Stillen Ozean versenken, ohne Kulturschaden anzurichten.“ Seine bekanntesten Schriften sind die Corporate ASE und die ITC Weidemann.

Kurt Weidemann war ein streitbarer Designer. Sein Wissen finden wir in vielen Fachbüchern und seinen ausgezeichneten Reden. Seine 10 Thesen zur Typographie, die er uns handgeschrieben 1992 übergab, sind legendär, wie zum Beispiel die Regel 6 „Typografie ist Umweltschutz der Augen, die es zwar zu öffnen und zu interessieren, aber nicht zu beleidigen und zu verwirren gilt. Das Sichtbarmachen von Sprache in all ihrer Ausdrucksvielfalt ist an den Grundzeichenvorrat des Alphabetes und an die Gesetze des Sehens und Verstehens gebunden.“

Als Corporate Designer und Berater überarbeitete oder entwarf er die Erscheinungsbilder vieler bekannter Unternehmen, darunter Zeiss, Merck, Daimler Benz, Porsche oder Deutsche Bahn. Er gestaltete Bücher für die Büchergilde Gutenberg und die Verlage Ullstein, Klett, av-edition und Thieme. 1995 wurde er mit dem Lucky Strike Design Award der Raymund-Loewy-Stiftung ausgezeichnet, ein Jahr später mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

Von 1970 bis 1972 war er Präsident des Internationalen Dachverbandes der Grafikverbände Icograda. Von 1991 an lehrte er viele Jahre an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung im Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe.

Kurt Weidemann war ein unermüdlicher Macher. Er war hilfsbereit, ehrlich und für jede Aktivität zu begeistern. Er hatte immer ein ermunterndes Wort für junge Designer, aber auch kritische Worte, wenn ihm etwas missfiel. Für seine Klarheit und Prägnanz, mit der er Dinge auf den Punkt brachte, haben wir ihn immer bewundert, vor allem aber für sein präzises und sachlich fundiertes Beurteilungsvermögen während vieler gemeinsamer Jury-Sitzungen. Wir trauern mit seiner Familie um einen herausragenden Gestalter.

(Heide Hackenberg)

Hier finden Sie Plakate mit Kurt Weidemanns Zehn Geboten zur Typographie.

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