Neujahrsempfang 2020

Am 28. Januar 2020 fand unser diesjähriger Neujahrsempfang statt. Rund 60 Gäste aus Designszene, Kultur und Politik waren unserer Einladung gefolgt, dem neuen Jahr einen würdigen Auftakt zu verleihen.

Die Demokratisierung des Designs, oder: Das ist eine Zumutung!

Die Entscheidung für das Themas »Demokratisierung« wurde im November getroffen, und der Anlass war im wahrsten Sinne des Wortes naheliegend, so Victoria Ringleb, Geschäftsführerin der AGD: Nur wenige Meter von der Geschäftsstelle entfernt fiel vor 30 Jahren die Mauer – ein Vorgang, der untrennbar mit Demokratisierung verbunden ist.

Auch im Design findet Demokratisierung statt. Die Tools und technischen Mittel sind immer weniger exklusiv, ebenso wie Kreativität, die in vielen Bereichen und Berufen immer wichtiger geworden ist, immer wichtiger werden musste. Die Entwicklung ist für Designer existenziell. Und eine Zumutung. Eine Zumutung wie für so manchen die Bewegung »Fridays for Future«. Für Victoria Ringleb ist sie »die charmanteste Art des Schule Schwänzens«, andere wettern gegen den Regelverstoß – der aber recht schnell dazu geführt hat, dass bedrohliche Klimaveränderungen wahr- und ernst genommen werden.

Was können Designer tun, um Prozesse der Entwicklung und der Demokratisierung zu gestalten und zu begleiten?
Drei Vorträge können Anregungen geben.

»Routinen sind billig fürs Gehirn.«

Florian Pfeffer ist Grafikdesigner, Hochschullehrer und Autor von »To Do: Die neue Rolle der Gestaltung in einer veränderten Welt.« Er beginnt seinen Vortrag mit einem Lieblingszitat

Modern zu sein, bedeutet, in einer
Umgebung zu leben, die uns Abenteuer,
Macht, Freude, Wachstum und Wandel
verspricht – und gleichzeitig droht,
alles zu zerstören, was wir kennen und
sind.
Marshal Berman

Und er fährt fort mit einer kurzen Betrachtung des Internets. Am Anfang schien es die große Demokratisierungs-Maschine zu sein: Kommunikation, Austausch, alle haben an allem Teil. Dann stellte sich heraus, das Internet verstärkt nur, was schon da ist. Die Freude an gepflegter Diskussion, einen Hang zur Faulheit – und Gewalt und Hass.

Das Internet als solches verändert nichts und löst keine Probleme, das müssen wir schon selber tun. Und am besten schnell. Ökologisierung, Globalisierung und Vernetzung zwingen uns dazu. Doch wir sind schlecht darin, Veränderungen zu akzeptieren, das liegt an der Bauweise unseres Gehirns. Es ist der Energiefresser in unserem Körper. Veränderungen wahr- und schließlich anzunehmen, verbraucht besonders viel Energie, unser Gehirn muss umbauen. Deshalb lehnt es Veränderungen ab – so lange, bis es dann noch mehr Energie kosten würde, die Veränderungen zu ignorieren. Die einst abgelehnte Idee wird Mainstream und am Ende Routine. Denn »Routinen sind billig fürs Gehirn«, der Energiehaushalt stimmt wieder.

Einen solchen Prozess können wir studieren am Umgang der Menschen mit dem Klimawandel. Schon 1912 beschrieb eine neuseeländische Tageszeitung so kurz wie treffend den Klimawandel (The Rodney and Otamatea Times, Waitemata and Kaipara Gazette, 14. August 1912), 1978 tat es Hoimar von Ditfurth im ZDF. Spätestens ihn hätten wir ernst nehmen sollen, doch dem Gehirn war das damals zu teuer. Dafür zahlen wir heute einen hohen Preis.

Um das Zahlen zu erleichtern, um politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche Veränderungen in Gang zu setzen, zu begleiten und zu vollenden, muss es Erfinder, Vermittler und Verbinder geben. All das können Designer sein.

Erfinder
»holen Ideen aus der Marginalität, setzen sie auf die Agenda«
Bei fast allen Produkten ist er hoch, der Anteil der dunklen Materie des Designs: Im Produkt ist etwas, es ist notwendig, viel mehr weiß der Designer aber nicht. Kann und soll er es trotzdem mitgestalten? Ja, sagte Bas van Abel und erfand das Fairphone. Unter fairen Bedingungen hergestellt und gehandelt, Ressourcen schonend, leicht zu reparieren, recycelbar. Allein durch die Kommunikation der Idee kamen ab März 2013 die Vorbestellungen herein, 2014 wurden 25.000 Exemplare ausgeliefert.

Vermittler
»lassen neue Ideen wünschenswert erscheinen, wecken Interesse, schaffen Identität und lassen Chancen erkennbar werden.«
Kochen mit Solarenergie? Klar, ist gut fürs Klima. Aber ist das nicht auch ein bisschen anachronistisch und umständlich? Vielleicht, aber es ist auch verdammt cool und macht großen Spaß. Das zeigt das Lapin Kulta Solar Kitchen Restaurant, Helsinki. Bei bedecktem Himmel gibt es Salat.

Verbinder
»sind wichtig, um unterschiedliche Interessen auszugleichen und Anschlussmöglichkeiten an Ideen zu bieten.«
In Lateinamerika, Asien und Afrika kennt man das Problem: Die Städte wachsen rasant. Die neuen Stadtbewohner brauchen Wohnraum, und er muss günstig sein. Hütten oder billigste Häuser werden gebaut, die typischen Armutssiedlungen entstehen – was nicht im Sinne der Städte ist. Und für die Bewohner eine Notlösung. Eine gute Lösung wird in Chile gebaut, sie heißt: halbe Häuser. Diese Häuser können sich die Menschen leisten bzw. liegt der Preis unterhalb der Grenze, die im sozialen Wohnungsbau erlaubt ist. Die Bewohner haben erst einmal ein Dach über dem Kopf, bauen die andere Hälfte dann selbst und leben am Ende in einem vergleichsweise komfortablen Haus.

Das Fazit von Florian Pfeffers Vortrag kann zugleich ein Anspruch sein: Designer können den Stress bei Veränderungen durch etwas Positives ersetzen. Und damit auch die Demokratisierung stärken.

»Auch Beuys war eine Zumutung«

Dr. Nina Schallenberg ist Kunsthistorikerin und Kuratorin der Sammlung Marx im Hamburger Bahnhof. Sie kann den Vortrag zum Neujahrsempfang mit einem weiteren Ereignis verbinden: Nächstes Jahr ist der 100. Geburtstag von Joseph Heinrich Beuys. Das mit Abstand Bekannteste, was Beuys je gesagt hat, ist der Satz

Jeder Mensch ist ein Künstler.

Eine Äußerung, die im etablierten, elitären Kosmos der Kunst als Bedrohung empfunden wird. In den Museen der Bildungsbürger, in den teuren Galerien. »Auch Beuys war eine Zumutung«, sagt Nina Schallenberg. Mit seiner Aussage stellt Beuys alles in Frage, worüber sich die Kunstwelt definiert.

Doch Beuys hat mit seiner Äußerung nicht sagen wollen, dass jeder zu Pinsel oder Spachtel greifen und sein eigenes Werk schaffen soll. Vielmehr war gemeint, dass die Kunst ihren Weg in die Gesellschaft finden soll. Joseph Beuys‘ Kunstbegriff war dabei sehr weit gefasst. Er umfasste im Grunde alle Fähigkeiten, gestaltend in die Gesellschaft einzugreifen.

Die 60er und 70er Jahre bringen Veränderungen. Autoritäten, gesellschaftliche und wirtschaftliche Zwänge werden kritischer gesehen. Beuys orientiert sich in seinem Weltbild an Rudolf Steiner, der als die drei Pfeiler der Gesellschaft das Geistesleben, das Wirtschaftsleben und das Rechtsleben benennt. Daran soll jeder Mensch Teil haben; anstatt dem System ausgeliefert zu sein, soll er es selbst gestalten können. Wenn man dieses Gestalten als Kunst begreift, demokratisert man die Kunst und: Jeder ist ein (potenzieller) Künstler.

Zur documenta 6 im Jahr 1977 brachte Joseph Beuys »Die Honigpumpe am Arbeitsplatz« mit. Und erschien persönlich an allen 100 Ausstellungstagen, um mit den Besuchern zu reden. Zur documenta 7 im Jahr 1982 war Beuys‘ Beitrag die Aktion »Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung«: Im ganzen Stadtgebiet sollten 7.000 Eichen gepflanzt werden. Die Aktion sorgte für rege Diskussionen und dauerte fünf Jahre. Es gab Widerstand und Vandalismus, dem ein Teil der Bäume zum Opfer fiel. Es scheint, auch Bäume können eine Zumutung sein.

»Design ist ein Vorgang, eine Fragestellung.«

Prof. Sebastian Feucht arbeitet und lehrt als Produktdesigner an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin mit dem Fokus Nachhaltigkeit. Er kommt nicht allein, sondern mit Menschen, die bei ihm studieren und er zeigt deren Arbeiten.

Für Sebastian Feucht sind Nachhaltigkeit und Demokratisierung eng verbunden. Das eine begünstigt das andere und umgekehrt. Und Design bedeutet ihm weniger Gestaltung als mehr ein systemischer Vorgang, eine Fragestellung. Welche Aufgaben gilt es zu lösen, und was kann Design dabei tun? So sorgt Design für Veränderungen von Lebensumständen und Ansichten. Immer wieder und schon immer:

Die Frankfurter Küche, im Bauhaus erdacht, klein, ergonomisch, die Mutter aller Einbauküchen, krempelte Lebensgewohnheiten und Wohnkultur um, was nicht jedem gefiel. Heute gilt sie als Klassiker des Küchendesigns.

In unserer Zeit ist die größte Herausforderung, der wir und das Design sich stellen müssen, der Klimawandel. Und auch in diesem Zusammenhang zeigt sich, wie sich Demokratisierung und Nachhaltigkeit gegenseitig begünstigen, nämlich am Beispiel der Windenergie. Seit einigen Jahren wächst vielerorts der Widerstand gegen neue Windräder. Windkraft? Gern! But not in my backyard. Doch dort, wo die Menschen in die Entscheidungsprozesse um neue Windräder einbezogen werden, wo es Bürgerbeteiligung gibt, werden Windkraftgegner zu Windkraftpionieren. So die Erfahrung von Sebastian Feucht.

Im zweiten Teil seines Vortrags stellt er Projekte und Abschlussarbeiten vor, die beweisen, das Design die Welt besser machen kann.

Stormcase: der Hurricane Bunker

Der Bunker soll Menschen, vor allem in ärmeren Gebieten der Karibik, vor Unwettern und Sturmfluten schützen. Ist der Hurricane vorbei, wird der Bunker zum logistischen Zentrum für den Wiederaufbau. Während des normalen Wetters bieten die Stormcases einfach Schatten, in dem sich die Menschen versammeln können. Die Innenräume lassen sich flexibel einrichten.
Hieronimus Dorian

Muutos: wachsen und teilen

Muutos ist ein Schuh aus Hanf, langlebig, antibakteriell und atmungsaktiv; so ein Schuh hat ein langes Leben. Durch seine spezielle Konstruktion kann er zudem sowohl in die Länge als auch in die Breite wachsen. Sollte sein erster Besitzer ihn nicht mehr haben wollen, oder sollte er wirklich kaputt gehen, wird er zurück an den Hersteller geschickt. Dort werden die kaputten Teile ersetzt und der Schuh kann jetzt gespendet werden.
Olivia Hidalgo Miranda

CO2-Wäsche: Gemeinsam sauber

Das Waschen mit CO2 spart gegenüber konventioneller Wäsche Energie, und es schont die Gewässer, da es gänzlich auf Wasser verzichtet. Allerdings brauchen die Maschinen viel Platz, sie passen nicht in Bad oder Küche. Die Lösung: Sie werden in Gemeinschaftsräumen untergebracht und von mehreren Menschen genutzt. Geregelt wird das über eine App, über die man sich – charmanter Nebeneffekt – auch für andere Dinge als das Waschen verabreden kann.
Niklas Manke

Wir bedanken uns, zusammen mit Torsten Meyer-Bogya, erster Vorsitzender im AGD-Vorstand, für Vorträge, Erkenntnisse und Inspiration.

Autorin: Christina Sahr

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