Design für Alle: Kooperation mit EDAD

Love wins (C) Andi Weiland. gesellschaftsbilder.de
Love wins (C) Andi Weiland. gesellschaftsbilder.de

Künftig machen die AGD und der EDAD gemeinsame Sache beim Universal Design oder Design für Alle

Auf der diesjährigen AGD-Jahrestagung “Design und Grenzen” haben Dagmar Lausch-Wunderlich und Simon Kesting von EDAD – Design für Alle Deutschland e.V. auf anschauliche Weise über Anliegen und Ziele von Design für Alle und damit ihres Verbandes gesprochen. Mit ihrer Arbeit setzen sie sich für barrierefreies Gestalten und bequemes Bauen ein. Damit überwinden sie, ganz im Sinne der Tagung, Grenzen und engagieren sich für eine Gestaltung, die für alle Menschen gleichermaßen gut funktioniert.

Die Vielfalt gestalten

Angesichts der zunehmenden Vielfalt in unserer Gesellschaft wird Design für Alle eine immer größere Bedeutung gewinnen. Für die AGD Anlass genug, eine engere Zusammenarbeit mit dem Kompetenznetzwerk EDAD zu suchen. Zu unserem Glück stießen wir auf offene Ohren, und es wurde schnell beschlossen, dass beide Verbände einen Vertreter als ordentliches Mitglied zum jeweils anderen Verband entsenden. Wir konnten für diese Aufgabe, ein weiterer großer Glücksfall, AGD-Designer Boris Buchholz gewinnen. Sowohl mit ihm als auch mit Mathias Knigge, Vorsitzender des EDAD, haben wir gesprochen.

Komfortabel von Anfang an

Herr Knigge, was ist das Anliegen von Design für Alle/Universal Design generell? Welche gesellschaftliche und wirtschaftliche Relevanz hat es?
Design für Alle (DfA) ist ein Konzept für die Planung und Gestaltung von Produkten, Dienstleistungen und Infrastrukturen, mit dem Ziel, allen Menschen die Nutzung ohne individuelle Anpassung oder besondere Assistenz zu ermöglichen. Konkret sind damit Lösungen gemeint, die besonders gebrauchsfreundlich und auch bei individuellen Anforderungen, z.B. aufgrund des Alters oder einer Behinderung, benutzt werden können. Das Konzept berücksichtigt dabei, dass die Design-für-Alle-Lösungen von den Konsumenten als komfortabel und attraktiv wahrgenommen werden.
Wie unterstützt der EDAD dieses Anliegen?
EDAD steht für „Design für Alle – Deutschland e.V.“, es ist das deutschlandweite Kompetenznetzwerk rund um das Thema Design für Alle – es berät, informiert, forscht und vernetzt. Unser Ziel sind Produkte, Dienstleistungen und eine gebaute Umwelt, die besonders leicht und komfortabel nutzbar sind. Und zwar für alle Menschen, unabhängig von ihren Fähigkeiten und entsprechend Ihrer Bedürfnisse. EDAD ist die deutsche Mitgliedsorganisation des EIDD „Design for All Europe“ mit Partnern in 23 europäischen Staaten und somit auch international gut vernetzt.
Welche Potenziale sehen Sie in einer engeren Zusammenarbeit mit der AGD?

Wir sehen ein großes Potenzial darin, die Mitglieder der AGD für den Ansatz des Design für Alle zu sensibilisieren.Noch immer wird häufig ein Widerspruch zwischen gut zugänglicher Nutzbarkeit und einer attraktiven Gestaltung gesehen. Dadurch treten Nutzeraspekte wie Alter oder Behinderung im Entwicklungsprozess in den Hintergrund. Schade, denn schon in den alltäglichen Designabstimmungen kann über die bessere Zugänglichkeit entschieden werden. Wir denken, dass das Thema von Anfang an in die Produktentwicklungsprozesse gehört und somit schon in der ersten Konzeption stattfinden muss und nicht nachgelagert als add-on verstanden werden darf, denn dann erzeugt es unnötigen Aufwand. Ein weiteres Anliegen ist für uns, das Thema Herstellern und deren Verbänden näher zu bringen. Hier sind wir im Austausch, um Nachfrage zu erzeugen. Außerdem sehen wir in der Kooperation mit der AGD eine gute Möglichkeit vorbildliche Lösungen der AGD-Mitglieder kennen zu lernen. Es fehlen häufig gute Beispiele, und das Thema wird als theoretisch erlebt. Deshalb freuen wir uns über alle Hinweise und verbreiten diese gern, um Unternehmen für entsprechende Aktivitäten zu begeistern.

 

Matthias Knigge, Vorsitzender des EDAD e.V.
Mathias Knigge, Vorsitzender des EDAD e.V.

 

Anregen und Mut machen

Boris, seit wann treibt Design für Alle Dich um? Gab es so etwas wie ein Schlüsselerlebnis, eine Initialzündung?
Wenn ich in der Grundschulzeit krank war (oder die Schule ausfiel), durfte ich meine Mutter manchmal zur Arbeit begleiten. Ein Kollege von ihr nahm sich dann immer viel Zeit für mich – wir ließen Wecker im Büroflur klingeln und drückten gemeinsam die Notruftaste des Fahrstuhls. Er war blind. Später durfte ich ihn auf Reisen mit der Deutschen Bahn, zur Fußball-WM in die USA oder zum Whale-watching auf die Azoren begleiten (bei der Kreuzfahrt „sieben Tage, sieben Volksmusikkonzerte“ habe ich mich verweigert). Die Hindernisse und Hemmnisse für Sehbehinderte und Blinde im Alltag wurden mir im Laufe unserer Freundschaft immer wieder deutlich. Allerdings habe ich auch gestaunt, welche technischen Hilfen es gibt — die allerdings oftmals rein funktional gestaltet waren. In der viertel-Redaktion der AGD haben wir 2007 und 2008 je ein Schwerpunktheft zu den Themen “Design für Alle“ erarbeitet – unter anderem war damals Matthias Knigge unser Gesprächspartner zu demografiefestem Design.
Warum sollten Designer sich für Universal Design interessieren? Ist das eine (moralische) Verpflichtung, eine (wirtschaftliche) Chance oder gar beides?
Der Begriff „Design für Alle“ ist Programm: Ein Backofen, zu dem man sich nicht hinabbeugen muss, ist ein Komfortgewinn für alle. Gestern war ich im Konzert: Eine Eintrittskarte, die man auch bei schlechtem Licht im Saal entziffern kann, ist sicherlich kein ungebührlicher Wunsch. Ist es eine Moralfrage, wenn man als Kommunikationsdesigner mit möglichst vielen Menschen seiner Zielgruppe kommunizieren möchte? Ich denke nicht. Eher geht es um Professionalität, Überwinden von Bequemlichkeit und Horizonterweiterung. Wir Designerinnen und Designer müssen lernen. Berufswirtschaftlich gesehen sind die Themen barrierearmes Design, Design für Alle und leichte Sprache für uns sehr wichtig. Schon jetzt müssen Internetpräsentationen von Behörden barrierefrei sein, PDF-Dateien ebenso. Diesen Vorschriften wird zwar noch nicht ausreichend überall Folge geleistet, doch werden sich diese sinnvollen Ansprüche nach und nach weiter durchsetzen. Auch die Nutzer unseres Designs verändern sich: In den nächsten Jahren und Jahrzehnten wird die Zahl der Menschen, die älter als 60 Jahre alt sind, immens steigen, wir werden so viele Hochbetagte über 80 Jahre haben wie nie zuvor. Und die Leute werden mehr oder weniger fit sein – sie werden kommunizieren, konsumieren, reisen und kulturell teilhaben. Ob Design für Alle für Designer eine wirtschaftliche Chance bietet? Unbedingt.
Was wünschst Du Dir von einer engeren Zusammenarbeit der beiden Verbände? Gibt es so etwas wie ein Lieblings-Szenario?
Ich sagte es eben schon: Wir Designerinnen und Designer müssen lernen. Von wem könnten wir besser lernen als von dem deutschen Expertennetzwerk für Design für Alle? Zum Beispiel habe ich über EDAD eine großartige Internetseite für die Planung von barrierefreien Veranstaltungen kennengelernt: http://ramp-up.me Ein anderes Beispiel: In der EDAD-Runde wurde ein Fim über blinde und sehbehinderte Fotografen vorgestellt – „Shot in the Dark“, eine sehr beeindruckende Geschichte. Ich habe den Film als eine Programm-Idee für die nächste AGD-Jahrestagung vorgeschlagen. Ich verstehe meine AGD-EDAD-Rolle als Mittler und hoffentlich auch als Anreger und Mutmacher. Aus einer solchen Zusammenarbeit könnte einiges erwachsen, von gemeinsamen Ausstellungen über einen Design-Wettbewerb bis hin zu einem Forschungsprojekt. Ich bin gespannt — und freue mich auf einen anregenden Austausch.

 

Boris Buchholz, AGD-Botschafter im EDAD e.V.
Boris Buchholz, AGD-Botschafter im EDAD e.V.

Wir für unseren Teil freuen uns auf die Zusammenarbeit, viele gute Anregungen und die nötigen Motivationsschübe.

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